Dazwischenschreiben

Es ist 23:10 und ich schreibe seit zehn Minuten. Die ersten zehn Minuten dieses alten Tages. Ich schreibe, mit einer halben Arschbacke auf dem Stuhl, die Zahnbürste liegt neben mir auf dem Schreibtisch, plötzlich war der Satz da, dieser eine, und ein zweiter reiht sich nahtlos an. Jetzt hetzte ich über die Tastatur, wo vorher nichts war, nur dieser Tag voller Ablenkungen und Verpflichtungen und ungesagten Wünschen. Jetzt aber schreibe ich, der Müdigkeit ausweichend, eigentlich schon nicht mehr müde, schon dumm, es gibt nichts Beglückendes, das Große ist nicht zu ahnen, aber dann ist es plötzlich da: Diese Sätze, die sich einfügen, sie sind jetzt da und sie werden bleiben. Dazwischen geschrieben. Auf der Zahnbrüste kauend, es ist viel zu spät für Plot und Dramaturgie und Figurenzeichnung, zu spät für Sprachspiele und kluge Alliterationen, aber es ist doch nie zu spät dafür.

Da sind die Geister, der Urwald, die brüllenden Affen, Nebel und Regen, die einsame Stadt am Fluss, da steigen sie auf, schnell hinskizziert, man hat nie Zeit für den vollen Blick, nie Zeit um Luft zu holen, schon tauchen die schmalen Boote der Cocama von der Seite auf, schon bin ich dazwischen, und der Tag bleibt hinter mir zurück als gelebt und vergessen. Ich wollte mir doch die Zähne putzen und vielleicht noch einige Seiten lesen: Onetti. Das kurze Leben. Was für ein ironischer Titel. Ich bin müde und überwältigt und hocke auf einer Arschbacke und klappere in die Tasten die schräge Melodie. Wenn es Spaß machen soll, würde ich Schiffsmodelle bauen oder winzige napoleonische Soldaten bemalen. Morgen ist der Tag neu, aber das Holzbein immer noch das alte. Neben mir auf dem Schreibtisch liegt die Zahnbrüste, und neben der Zahnbürste liegen Döblin und Llosa und mein rotes Notizbuch, und es spricht zu mir, ein Gemurmel, das mich hinein in den Schlaf begleitet. Wann wird es aufhören, aber es wird ja nicht aufhören. Nach dem Fluss kommen die Eiswüsten, die Küsten, Innenstädte und Hinterhöfe, in denen sie stehen und darauf warten, dass von ihnen erzählt wird.

Satz für Satz. Wohin auch immer.