Mein Jahr als Autor

Januar

Mein erster Erzählband „Albuquerque“ ist 2014 im September erschienen. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, es gibt Rezensionen in Print, Radio und Online. Ich hoffe auf nichts weniger als eine Rakete, von der man Ende des Jahres sagen wird: „Der Überraschungshit des Jahres!“ Naive Träume eines Debütanten...

Februar

Ich lese in Hamburg und Kiel. Ich stehe am Wasser, es beginnt leicht zu schneien und vor mir vollzieht ein hell erleuchtetes Fährschiff anmutig und beinahe schwerelos ein Wendemanöver, so als sei es gar kein Schiff sondern ein Eistänzer auf spiegelndem Untergrund. Es sind stille, beeindruckende Momente. Von der Agentur kommen gute Nachrichten: Es gibt potentielle Verlage für den Roman. Nach einer langen Pause beginne ich wieder mit einer Erzählung, und es fühlt sich an, als träfe man nach Jahren einen guten Jugendfreund: Zuerst eine stille Beklemmung, die aber nach und nach durch Gesten und Blicke schnell zu etwas Vertrautem wird.

März

Das erste Mal mit dem eigenen Buch auf der Messe in Leipzig. Dazu mein Tweet: Ab Morgen in Leipzig @buchmesse: Lesung, Party, Bier, Messe, Leute, Pizza, Lesung, Bratwurst, Lesung, Leute, Party, Bier, Heimfahrt. Und so wars dann auch. Schön und ermüdend. Auf der Messe treffe ich auch meinen zukünftigen Verlag Jacoby & Stuart. Wir sprechen über den Roman, dessen Titel noch unklar ist, und kurz darauf unterschreibe ich den Vertrag. Irgendwann im März träume ich das erste Mal vom Amazonas...

April

Im Naturkundemuseum Stuttgart bleibe ich über eine Stunde im Regenwald. Es ist der Beginn von etwas. Ich weiß noch nicht genau was. Es fühlt sich nach einem Text an. Ich bekomme das Spreewald-Stipendium nicht. Ich reiße nichts beim MDR-Literaturwettbewerb. Trister Autorenalltag. Der Roman wird „Dahlenberger“ heißen.

Mai

Erste Ideen für ein neues Projekt, das am Amazonas spielen soll. Ich lese mich langsam ins Thema ein. Harlekinfröschlein, Pekaris. Jesuitenreduktionen, Bandeirantes, Goldsucher. Keine Ahnung, wie weit ich den Fluss hinaufkomme. Derweil im Lektorat mit „Dahlenberger“.

Juni

Fahnenkorrektur von „Dahlenberger“: Es wird ein schönes Buch mit einer tollen Illustration auf dem Cover. Aber mit jeder Zeile, die ich jetzt lese und prüfe, nagt auch der Zweifel an mir: Ist dieses Wort, ist dieser Satz der richtige für das, was ich damit ausdrücken will. Passt das zu dem, was ich in meinem Kopf als Blase, Gedanke, Idee von meiner Geschichte habe? Zum Glück hämmert meine Tochter gegen die Tür und verlangt nach mir. Es ist Sommer, es wird heiß. Richtig heiß.

Juli

Ich besuche jetzt regelmäßig – mal allein nach der Arbeit, mal zusammen mit meiner Tochter schon sehr früh – einen der Handlungsorte von „Dahlenberger“, das Frankfurter Stadionbad. Es ist ein altes, schönes Bad, keine moderne Spaßnasszelle: die Wiesen zeigen große, braune Flecken, an den Nähten der Riesenrutschte tropft das Wasser und dann muss es am heißesten Samstag des Jahres wegen eines Kurzschlusses schließen – aber es hat diesen imposanten Sprungturm, zu dem ich immer wieder herübersehe und die Springer dabei beobachte, wie sie mit kunstvollen Arschbomben und Backflips ins Wasser tauchen. „Dahlenberger“ erscheint.

August

„Dahlenberger“ ist erschienen. Hat wohl keiner gemerkt. Ich lese bei lauschigen 35 Grad in Erlangen. Dieser Sommer ist nichts für mich: zu schwül, zu heiß, da bleiben keine Sätze hängen und ich tagträume vor dem überhitzten Laptop, bis ich es irgendwann satt habe und meine Füße in einen Eimer mit kaltem Wasser stelle. Aber ich liebe die Vormittage mit meiner Tochter im Stadionbad. Wir sind unter den ersten im Kinderbecken, sie hüpft und lässt sich durchs Wasser ziehen, zum Abschied sucht sie sich jedes Mal ein Capri aus.

September

Es tut sich was. In der ZEIT und im Deutschlandfunk wird „Dahlenberger“ besprochen, dann auch im Börsenblatt und im Buchjournal. Außerdem gehört das Buch zu den ausgewählten New Books in German. Ich habe mit dem neuen Projekt begonnen. Euphorie: Die ersten dreißig Seiten gehen wie von selbst. Zweifel: Jeder Satz klingt wie der eines Fünftklässlers, ungelenk und unausgegoren. Dann gibt es aber auch wieder Lichtblicke, wahnwitzigen Funken, diese Worte, die sich plötzlich aneinanderreihen und den Boden aufreißen. So ziehen die Wochen dahin.

Oktober

Es wird turbulent: Ich bekomme den Limburg-Preis 2015 verliehen, für mich völlig überraschend. Also fahre ich nach Bad Dürkheim in die Pfalz, nehme Glückwünsche und zwei Flaschen Wein entgegen und lerne die wunderbaren Autoren Markus Orths, Annette Pehnt und Martin Gülich kennen. Ein paar Tage später Buchmesse in Frankfurt, über die ich etwas orientierungslos laufe. Aber es gibt auch schöne Gespräche und Begegnungen. „Dahlenberger“ ist für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2015 nominiert.

November

Es bleibt turbulent: „Dahlenberger“ wird mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Ich verbringe zwei Tage in Oldenburg, natürlich ist es windig und natürlich regnet es. Gegen halb eins laufe ich etwas betrunken und etwas glücklich durch das menschenleere Oldenburg, bleibe an einer roten Ampel stehen und frage mich, ob das einer war: Einer von diesen wichtigen Momenten im Leben eines Schriftstellers. Kurz vor Monatsende eine weitere Urkunde: 2. Platz beim Schwäbischen Literaturpreis. Mein Antrag auf Förderung durch den Deutschen Literaturfonds wird abgelehnt.

Dezember

Durchatmen. Die letzten Monate waren anstrengend, beglückend auch, manchmal ermüdend. Ich bewege mich noch immer schreibend durch den Amazonas, sehe mittlerweile klarer dank einiger guter Gespräche. Und nächstes Jahr? Es gibt noch ein paar Chancen für „Dahlenberger“, vielleicht kommt mein Wolf auf die Bühne, Texte werden weiter wachsen. Als Autor denke ich mittlerweile eher in halben Jahrzehnten denn in Jahren. Dann werde ich wirklich sagen können, was 2015 für mich bedeutet hat.