Nix [2] - Gefühle unechter Lebewesen

Popcorn hatte er noch nie ausstehen können, weder in salziger noch in gezuckerter Form. Er litt unter keiner nachweisbaren Allergie mit symptomatischem Hautausschlag, Atemnot usw., hatte niemals ein irgendwie geartetes Erlebnis, in dem jemand durch das Essen von Popcorn qualvoll erstickte, sich erbrach, krebsrot anlief und schließlich tot umkippte, und er wurde in seinen Träumen auch nicht von riesigen Popcornpappschalen verfolgt, die sich über ihn stülpten und ihm jede Orientierung raubten, nichts davon. Er haßte einfach das Zeugs. Diese klebrigen, unförmigen Flocken, bei deren Geruch ihm sofort speiübel wurde, was sicher mit seinem Unterbewußtsein zusammenhing.
Dave Kelterman stand im Ostflügel des St.Vincent Hospitals von Muscalusa, die Hände auf dem Rücken verschränkt und den Nacken leicht überspannt, denn er hatte sich geschworen, bei allem hier, bei jedem weiteren Versuch, die fetten Feldermäuse in seinem Schädel zur Ruhe zu bringen, nach Außen hin stets Würde und Anstand zu wahren. Die Fenster waren unvergittert und boten freie Sicht auf die Maisfelder, die direkt hinter der Mauer ansetzten und bis an den Horizont wogten, von staubigen, ellenlangen Straßen blockartig parzelliert. Dave Kelterman stand dort wie angewurzelt (so jedenfalls konnte man es mehrmals in den Eintragungen des Pflegepersonals lesen), sah auf die sattgrünen Maisfelder hinaus, es war früher Nachmittag und der Himmel wie immer weit und ein wahrer Fundus für seine Panik, eines Tages mit einem Schädel so groß wie ein Ballon sanft in das Blau hinein zu entschweben. Dave Keltermans Nase kitzelte, aber er unterdrückte knallhart das Verlangen sich zu kratzen. Er war hier, um zu sich zu finden und glaubte fälschlicherweise, in einer Art Katharsis wieder ganz der Alte zu werden.

Michael DuBois würde sich selbst nicht als fettleibig bezeichnen. Für ihn sind die knapp 110 Kilo nur mittlerer Durchschnitt, wenn er sich die anderen DuBois’ auf den Familienfesten zu Weihnachten oder Erntedank ansieht, wo schon die Jüngsten beeindruckende Körpervolumen aufweisen und man eigentlich nur müde mit den Schultern zuckt, wenn ein Familienmitglied von erneuten Pöbeleien oder Fettenwitzen erzählt, mit der man sie oder ihn wieder einmal geschmäht hatte. Gleichgültigkeit und Kreislaufbeschwerden zählen zu den vorrangigen Familieneigenschaften der DuBois’. Michael „Mick“ DuBois geht einmal in der Woche in ein Fitneßstudio, sonst sitzt er den ganzen Tag. Er ist Programmierer bei der REL, im Team der AI und dort zuständig für die drei großen E: Emotion, Empathy, Emancipation. Im Gegensatz zu seinem äußeren Auftreten ist Mick im logischen Denken, im Kombinieren und mathematischen Verknüpfen ein ganz Schneller. Die Frotzeleien der Kollegen hatten schon nach gut zwei Monaten aufgehört und Mick wurde zu einem geschätzten Mitarbeiter, der unaufhaltsam die Karriereleiter hochkletterte.
Mick lehnt sich in seinen Administratorsessel zurück, der ein kleinwenig nachgibt, reibt sich die Augen und schiebt sich das Headset in die Mitte des Kopfes zurück. Bildschirm zwei und drei zeigen die Maisfelder. Nummer eins den Marktplatz, auf dem sich soeben die Volunteers zusammenfinden. Am Bildrand sind jetzt Matt Alves und Robert Lundon zu sehen. Gleich werden sie auf den Punkt kommen. Mick dreht sich ein Stück nach links. Dort illuminiert das bläuliche Licht der Bildschirme auf Lindsay Mulens Gesicht, hebt ihre Wangenknochen an und macht ihre Augen fast ausdruckslos wie in einem Aquarium. Sie trägt eine blaue Strickjacke, darunter ein weißes Hemd. Ihre umwerfenden Brüste sind auch von der Seite eine Augenweide.
„Ich hab jedesmal schweißnasse Hände“, sagt sie, ohne Mick anzusehen. „Für mich ist das immer noch ein großer Moment, jedesmal.“
Mick lächelt. Für ihn sind es eigentlich nur sehr komplizierte Modellbauten. Lindsay bezeichnet sie manchmal als ihre Babys.

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