Recherche

Ich werde über den Amazonas schreiben. Ich war noch nie dort, noch hatte ich bis vor einem Jahr eine besondere Beziehung zu diesem Fluss, zu dieser Landschaft, die sich das Amazonasbecken nennt und zu einem der reichsten und einsamsten Orte dieser Welt zählt, ähnlich der Tiefsee. Aber dann nistete sich die Idee dieses Flusses ein, der ja nicht ein Fluss ist sondern ein Netz aus großen und kleinen Wasserläufen, manche schwarz wie die Nacht, andere schlammig braun oder milchweiß. Die Idee einer Geschichte an diesem Fluss, in dieser Landschaft. Das war vor rund einem Jahr. Seitdem habe ich gelesen, geschaut, aufgeschrieben, verglichen, verworfen und wieder gelesen. Dies ist eine Recherche, eine Erforschung, der Text hinter dem Text.

Recherche Sf „Nachforschung“ per. fach. [18. Jh.]. Entlehnt aus dem frz. recherche, einer Ableitung von frz. rechercher „aufsuchen, erforschen“, zu frz. chercher „suchen“ und l. re-; weiter zu spl. cicāre „rings um etwas herumgehen, etwas umkreisen, durchsuchen“, zu l. circum „ringsumher, in der Umgebung“.

Sammeln

Zu Beginn forsche ich weniger, ich umkreise Themen, ich schleiche um sie und schaue sie mir von verschiedenen Seite aus an ohne sie aber näher zu befragen, tiefer in sie einzudringen. Ich bin kein Historiker und kein Quellenkundler. Ich will keine Zusammenhänge herstellen, keine Schlüsse ziehen und keine Thesen beweisen. Im Gegenteil: Es muss aufgerissen werden, auseinandergenommen, ein Chaos aus Notizen, Zeichnungen und Kopien; ein Aneinanderreihung von Textdokumenten, Sammlungen von komprimierten JPG-Bildern, PNG-Karten, Ordner mit PDF-Files.

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Ich habe bei der Recherche zu Beginn nur ein unklares Ziel und weiß nicht, wo ich beginnen soll. Wikipedia ist ein guter Ausgangspunkt. Die Artikel geben erste Einblicke, wirklich interessant sind aber die Quellenangaben: Links kryptischer URLs und ellenlanger PDFs, Links zu Galerien mit verpixelten Abbildungen verlorener Ruinen mitten im Urwald, zu tief versteckten Unterseiten. Was ich in der deutschen Wikipedia nicht finde, suche ich in der Spanischen oder Portugiesischen. Nach dem Rio Trombetas. Dem Rio Maranon und der Stadt Iquitos. Ich lasse mir die Seiten übersetzen, und es entstehen abstruse Sätze, die manchmal Züge eines wilden Avantgardismus tragen. So bewege ich mich, eher taumelnd als zielsicher, entlang der Konnexionslinien von Seite zu Seite und es entsteht ein Tableau loser Themeninseln.

Verdichten

Mit der Recherche verdichtet sich auch der Plot. Vage skizzierte Handlungsstränge und Orte werden konkret oder verschwinden und damit versinken auch Themeninseln wieder, während andere weiter aus dem Ozean herauswachsen. Ich steige jetzt tiefer ein, Fragen stellen sich: Wie lange dauerte um 1720 eine Schiffsreise von Lissabon nach Belem? Wo hatten zu der Zeit die Jesuiten ihre wichtigsten Missionsgebiete und wie hießen die Missionen? Manchmal sind es auch nur Details wie die Helme der Konquistadoren oder das Zaumzeug von Pferden. Wichtige Arbeitsmittel in dieser Phase sind Karten (Google Maps, OpenStreetMap, Historische Atlanten) und Buchdatenbanken (WikiSource, Google Books, Digitalisat). Dort lese ich z.B. den Bericht eines gewissen Florian Paucke und stoße auf Samuel Fritz’ Tagebuch.

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Ich bin kein Historiker und ich schreibe keinen historischen Roman. Als Schriftsteller darf ich verfälschen, ausblenden und weiterspinnen. Ich versetze Menschen und Ereignisse, lasse sie früher sterben oder länger leben. Ich kann auch nicht alles klären, ob z.B. die Jesuitenpatres Unterhosen trugen, also ziehe ich ihnen welche an. Viel mehr als diese Details bin ich aber an der Atmosphäre interessiert: Wie fühlt es sich an dort zu leben, was gibt es dort für Geräusche, wie klingt der Fluss, der Wald? Youtube ist eine gute Anlaufstelle, ich schaue mir Dokumentationen an, (Grüne Hölle oder Paradies?, Killferische im Amazonas) Filmschnipsel von Amazonasfischern und der Riesenwelle Pororoca. Außerdem höre ich eine CD mit Aufnahmen aus den Wäldern, blättere durch Bildbände, Besuche den Regenwald-Teil im Naturkundemuseum Stuttgart und lese ökologische Fachliteratur über das Amazonasbecken. Meine Sammlungen archiviere und ordne ich mit Scrivener.

Erzählen

Ich habe Material angehäuft, Themeninseln erschaffen und wieder vernichtet, aber das alles muss schlussendlich zurückbleiben hinter der eigentlichen Geschichte, die ich erzählen will. Die Fakten sind nur Mittel zum Zweck, sie geben eine Richtung vor, fügen der Geschichte neue Aspekte hinzu, aber sind hindern mich nicht am Erzählen. Die Geschichte erzählt sich nicht wegen, sie erzählt sich durch die Recherche hindurch, bahnt sich wie der Fluss ihren Weg durch ein Dickicht an Fakten und Realitäten, die sie mal nur streift, mal eingehender betrachtet. Alfred Döblin war nie am Amazonas, und doch hat er ein monumentales Werk über den Fluss und das Land verfasst, das keine ethnologische oder historische Facharbeit ist, sondern ein Roman, der Ethnologie, Biologie und Geschichte dieses Kulturraums aufgreift und mit literarischen Mitteln verarbeitet und verdichtet.

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Noch schreibe ich. Nahezu täglich. Die Recherche läuft nebenher weiter, in feineren Verästelungen. Ich habe keine Ahnung, wie weit ich auf den Flüssen vorankomme, auf dem Rio Marañón, dem Rio Uyacali, dem Rio Putumayo. Im Moment bin ich an den Ufern des Rio Huallaga, einem Nebenfluss des Marañón, mein Pater steht kurz vor einer Malariaerkrankung. Malaria Tropica. Einhergehend mit Bewußtseinseintrübungen. Ob er sie überleben wird, ist offen.