Ton [3] – Dredg

2002, Leipzig: Ich befinde mich in einem seltsam deprimierten Schwebezustande, laufe in meinem abgegriffenen Cordmantel durch die Straßen, die Prager hinunter zum Hauptbahnhof, durch die Innenstadt und wieder zurück mit einem Umweg über den alten Johannisfriedhof. Mit dabei ist mein hellblauer Sony Portable-CD-Player und darin rotiert Dredgs Meisterwerk El Cielo. Dieses Album leuchtet, es flirrt und flimmert, treibt und fordert heraus, es muss alleine gehört werden, zwischen den alten Bäumen und schiefen Grabsteinen des Johannisfriedhofs, im Winter 2002, als Leipzig unter einer dichten Schneedecke versank und selbst die alte Tatras steckenblieben.

Dredg haben keine Angst vor großen Melodien, denn sie wissen, dass diese nur ein Teil der Summe sind: mit eigenwilligen Tempowechseln, verdrehten Rhythmen und Einflüssen aus der Weltmusik (südamerikanische Trommeln, bulgarische Gesänge, Dulcimer-Klänge, Jazztrompeten) widerlegen sie sofort jeden Kitsch-Verdacht und haben den Mut zu Größe und Eigenwilligkeit.

Songzeilen bleiben hängen wie Parolen: We live like penguins in the dessert, why can’t we live like tribes?, And babies are born in the same buildings where people go, All you need is a modest house in a modest neighborhood. Es sind Zeilen wie diese, die die Platte auch textlich leuchten lassen. El Cielo ist ein großes Album. Die Band hat leider mit keiner ihrer nachfolgenden Platten diesen Niveau halten können und dümpelt mittlerweile in bräsiger Popeinfalt dahin.

Aber 2002 ist El Cielo eine Erweckung. Auf der Tanzfläche in der Moritzbastei versinkt die Welt um mich: It’s the canyon behind me.