Wasserhäuschen

25. Mai 2016 – Ortserkundung

Am Bug

Es ist immer windig an der Ecke Schwarzwaldstraße Rennbahnstraße. Das ganze Jahr über klackern die Fahnen vom Autohaus Schmidt um die Masten, als wären sie nicht vor den Verkaufshallen sondern im Hafen von Warnemünde aufgezogen worden, kreiseln Werbeprospekte, Schokoriegelpackungen und Papierfetzen anmutig durch die Luft, es fühlt sich in manchen Moment tatsächlich nach Meer an. Die Ecke Schwarzaldstraße Rennbahnstraße ist eigentlich keine Ecke sondern ein Keil, der Bug eines Schiffes, es schiebt sich zwischen das Grün der alten Rennbahn und den Wohngebieten der angrenzenden Straßen und Gassen, ebnet den Weg hinauf ins Stadion. Dort, am Bug, am spitzen Ende des Keils, duckt sich die Trinkhalle an der Rennbahn unter einem ausladenden Vordach, die Fenster zugehängt mit Zeitschriften, Regale mit Flaschen und Dosen, die seit Jahren dort stehen. Wenn die Eintracht spielt, sind bereits am frühen Vormittag die wenigen Stehtische besetzt, aus den Lautsprechern, die irgendwo in der Dachkonstruktion versenkt wurden, dröhnen die Scorpions, es steht nicht gut um den Club, der Abstieg droht. Tram um Tram rollt heran, die Wellen brechen am Rumpf, Wimpel flattern, es geht weiter, irgendwie. Bei Regen stehen zwei oder drei unter dem Dach, ans schmale Sims gelehnt, sie sprechen nicht miteinander, starren auf die Etiketten ihrer Flaschen, alte Hefköpp, auch Sonntagmittag ist das Häuschen eine sicherer Hafen.

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Trinkhalle An der Rennbahn

Inselbewohner

Mit der Linie 21 nur zwei Stationen weiter, Richtung Main, Ecke Niederräder Landstraße Rennbahnstraße: Leuchtend Gelb, schmal, wie ein Einbeiniger, balanciert das Häuschen auf seiner Insel, immer von den starken Strömungen bedroht, dem Quietschen und Rasseln der Linien 12, 15 und 21 ausgesetzt. Es ist nur zwischendrin, keiner bleibt länger als er muss, es gibt kaum Platz zum Stehen, bei Regen drängt sich alles ins zeitungsmuffige Halbdunkel. Dann überfliegt man die Schlagzeilen, jemand will Kippen, einen Kurzen für Herz, auf einer Tafel: Samosa mit Micro warm. Der einsame Inselbewohner trägt eine Brille mit Nackenband und Sandalen, meistens hockt er im Inneren, tritt nur nach Aufforderung an die Luke, früh Morgens fegt er den schmalen Steg, ordnet die Zeitschriften. Dann kommt einer angehetzt, in kurzen Hosen und Schlappen, sie kennen sich, reichen sich durch das Fenster die Hände; Nein nein, kein Notfall diesmal, diesmal nur zwei Helle und einmal Lucky’s, und irgendwas Süßes, schließlich, mal lebt ja nur einmal.

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Wasserhäuschen Niederräder Landstraße

Bitzelwasser

Die ersten kamen ums Jahr 1860, kleine Hütten, die Mineralwasser, Bitzel, ausgaben, um die Arbeiter vom Kartoffelschnaps fernzuhalten, der zu Schlampereien in der Produktion und zu Beschwerden seitens der Kirchen und des Bürgertums geführt hatte. Die Stadt verteilte eilig Konzessionen, und bis zum Endes des 19. Jahrhunderts gab es in Frankfurt bereits über zweihundert Wasserhäuschen, je zur Hälfte der Firma Jöst und den Gebrüdern Krome zugehörig. Letztere sorgten mit ihrem Klickerwasser (Brauselimonade in Kugelflaschen) für einen wahren Wasserhäuschen-Boom, der aber mit dem ersten Weltkrieg aufgrund von Rohstoffmangel einbrach. Um weiterhin zu verkaufen, fanden sich nun auch Tabak- und Süßwaren in den Auslagen. Während der NS-Zeit wurden die meisten Wasserhäuschen abgerissen – trinkende, herumhängende Arbeiter passten nicht in die Ideologie der Nationalsozialisten, zumal die Buden als Treffpunkte für Kommunisten und Sozialisten galten. Nach dem Krieg setzte mit dem Wirtschaftswunder erneut der Aufschwung ein, bis in die 1970er Jahren verteilten sich über 800 Häuschen über das Stadtgebiet.

Schiffbrüchig

Endstadion der Linie 15, weiter geht es von hier mit der Buslinie 51 nach Hoechst, an den Main, Häuserreihen ragen wie Klippen empor, dort an der Ecke kauert es: Kopf und Schultern eingezogen, gedrungen, herumdrucksend, es liest einem die Schlagzeilen des Tages vor, FAZ und SZ, wer hierher kommt, hat Zeit, schlendert durch den angrenzenden, kleinen Park. Es ist ruhig, Sonntag Nachmittag. Hier schwappt es nur träge heran, Fahrräder, Zeitungsfetzen, Kaffeebecher als Treibgut, die Straßen und Häuser liegen ruhig im Sonnenlicht. Im Hintergrund wirtschaftet die Bürostadt, liegen die verglasten Bürowaben, aber um das Häuschen bleibt es still, es ist ein Blick auf eine Postkarte: Es wird eine Geschichte erzählt, die wahr und unwirklich zugleich ist; die abgebildeten Strände und Berge haben wir vielleicht schon einmal besucht, trotzdem sind sie es nicht, es sind nicht die Orte aus unseren Erinnerungen, sondern zurechtgeformte Ansichten einer schönen, reinen Welt. Eine Bahn fährt an und das Häuschen verschwindet dahinter, wird vergessen, es ist nicht allzu schwer.

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Wasserhäuschen Hardtwaldplatz

Über die Melibocousstraße geht es in südlicher Richtung zurück, einer dieser fast schnurgeraden Straßen in Nordsüd-Richtung, hinunter zum Main, hinein in die Wohngegenden. Noch einmal taucht eines auf, der Kiosk 37 mit vergittertem Maul, ein wahrer Schiffbrüchiger abseits der großen Ausfallstraßen, am Rand eines Parks, irgendwas wird die See schon anspülen. Ein paar Jungs kaufen Süßkram und Eis und geraten in Streit. Eine Alte mit Wägelchen und Stock palavert im Selbstgespräch vorüber, sie ist auf der Suche nach Flaschen, im Park kauern Kaninchen unter den Büschen.

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Trinkhalle Kiosk 37 Melibocousstraße

Zum Leben

In manchen amerikanischen Großstädte ziehen sich die Supermärkte aus bestimmten Stadtvierteln zurück und die dortige Bevölkerung ist gezwungen, in Tankstellen Lebensmittel für den täglichen Bedarf zu besorgen. Bockwurst und Samosa zu Mittag, zum Frühstück einen laschen Kaffee und ein trockenes Brötchen, Abendbrot fällt aus. Die Häuschen haben nichts mit Tante Emma zutun, es sind eher herumlungernde Bauchladenverkäufer, die einem im Vorbeigehen zuzwinkern: Vielleicht einen Kurzen, lecker Schokoriegel, ein paar Schlagzeilen. Kleine Inseln in der See: Zum Überleben zu mickrig, zum Leben gerade richtig.


ORTSERKUNDUNG – Wege durch Frankfurt. Vorbei an Hinterhöfen, Trinkhallen, Bahnstationen, Glasbauten, Kleingärten.