02. September 2018 Aussenwelt

Ein gewöhnlicher Samstag, ich gehe nach dem Aufstehen zum Bäcker, später dann zum Einkaufen, ich sauge die Wohnung, ich arbeite zusammen mit meiner Tochter eine Zeitlang im Garten und am Nachmittag sind wir zu einem Kindergeburtstag bei Freunden eingeladen; das Wetter an diesem 1. September ist milde, die Sonne scheint, nur im Schatten kann man den aufziehenden Herbst bereits erahnen. Ich gehe zum Bäcker, ich stehe im Garten, ich höre meine Tochter; ich esse ein Stück Kuchen, ich höre die Kinder streiten, die Kinder sind wilde Pferde; ich trinke ein Radler und esse ein Brötchen. Es ist alles selbstverständlich, alles scheint dort zu sein, wo ich es erwarte: ein ruhiger Nachmittag in einer ruhigen Stadt an einem friedlichen Samstag.

Und doch ist da etwas an diesem Samstag, etwas ballt sich zusammen, etwas entzieht sich der Realität, dem Leben, wie ich es kenne oder zu kennen meine: ein ruhiges Leben, ein beruhigtes Leben in einer Welt, in der ich Bücher schreibe, und dieses Schreiben ist ganz selbstverständlich, wie alles andere auch selbstverständlich ist: Das Brötchen-Holen, die Zeit im Garten, die kleinen Feste. Jetzt aber schiebt sich da etwas zusammen, verdichtet sich. Es geschieht schon lange, über Monate, über Jahre, aber alles wurde irgendwie doch immer wieder selbstverständlich, die kleinen Feste, der Garten, das Einkaufen, alles war da und geordnet und verfügbar. Jetzt wiederholen sich die Momente: Das Aufwachen am Morgen und das ungläubige Begreifen von Tatsachen, die gar keine Tatsachen sein konnten, weil es doch so selbstverständlich war, das sich alles zum Guten, dass schlußendlich die Vernunft, die Ausgewogenheit... und dann erwache ich am Morgen und lese von einem Präsidenten Trump, von einem Ja zum Brexit, von einer AfD im Bundestag, und ich wende ein: Aber meine Gewissheiten, dass schlußendlich die Vernünftigen, die Gemäßigten –

Ich lese über Chemnitz auf Twitter, auf Facebook, auf den Nachrichten-Portalen. Ich schaue mir die verwackelten Videos an, Gebrüll, Handgemenge, da bahnt sich etwas seinen Weg, was nie ganz verschwunden ist, was immer da war, und was sich mit jedem neuerlichen Erwachen verfestigt. Ich merke, da stimmt doch was nicht, was stimmt denn da nicht, was verschiebt sich hier gerade, so leise, so perfide und mit einer Sprache, die verführt und verdreht und vergisst? Und berührt mich das überhaupt, die Nazis in ihren Hinterhöfen, die Verschwörungsspinner und Wortverdreher? Ich verfolge die Geschehnisse in Chemnitz, und mir wird klar: Ja. Es berührt dich, unmittelbar, es geht nicht vorüber. Es ist da: die verzerrten Gesichter, das Gehetze, es ist da und lässt sich nicht länger ignorieren.

Und ich frage mich: Was, wenn dieses Fanal, wenn dass nur der Beginn ist, wenn es irgendwann ebenso zu einer Selbstverständlichkeit wird wie das Einkaufen, der Garten, die Feste? Wenn es nicht weiterzieht, wenn es sich nicht wieder verkriecht und nicht versandet? Ich weiß nicht, was ich tun kann, was ich tun soll, ich schreibe diesen Text, ich suche nach Worten; ich weiß, dass das Fest nicht ewig fortdauern wird mit seinen bunten Lampen, der Musik und der guten Stimmung. Also den Mund aufmachen, das Gespräch suchen, mit Nachbarn, mit Freunden, auf der großen Bühne, im kleinen Rahmen.