13. Mai 2018 Ortserkundung

Zuerst war da die Landzunge, gewachsen aus dem Aushub der Schleuse Niederrad, um 1885 eine künstliche Insel aus Sand, Sedimenten, Gesteinsbrocken, der alte Main zog gemächlich vorbei, seit Jahrhunderten schon, vorüber an den trajanischen Gräbern, an den Wehren und Türmen, und nahm um 1900 dann gütig schwappend auch die Badenden auf. Man errichtete Schuppen fürs Umziehen, einen Hochstand, von wo aus die Schwimmenden beobachtet werden konnten.

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Unter Schirmen

Das Baden im Fluss war üblich und ließ Ahnungen von Stränden zu, Sehnsüchte nach einer unerreichbaren Ferne. Bis 1938 durfte im Licht- und Luftbad Niederrad als letztem Ort die jüdische Bevölkerung noch baden, danach wurde es ihnen ganz untersagt; nach dem Krieg suchten hier die in Frankfurt stationierten US-Soldaten Ruhe und Erholung, rauchten, lungerten in der Frühlingssonne auf den Wiesen.

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Stiller Seitenarm

Bis heute ein guter Ort zum Lungern. Die Liegewiesen erstrecken sich am Niederräder Ufer auf Höhe Elli-Lucht-Park bis zur Main-Neckar-Brücke, im Frühsommer voller Gänseblümchen, träge ziehen die Binnenschiffe vorüber. Unter den Schirmen des Café LILU sitzen die abgekämpften Radler, dazwischen taumeln Kleinkinder, ein verirrter Frisbee segelt sanft ins Gras. Hier hat meine Tochter Laufen gelernt, hier rutschte sie das erste Mal kreischend auf dem Schoss, schob sich Sand in den Mund.

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Blick auf den Main

Im Sommer halten sich hartnäckig die Gänse, mit ihren Jungen ziehen sie flussaufwärts und wieder flussabwärts, gurgelnd, futternd, es ist fast unmöglich, nicht in ihre grünlich gefärbten Scheißekringel zu treten. Die Stadt verschwindet hinter den Pappeln und Weiden, schrumpft auf Modellbaugröße. Im Hochsommer ist das Bad Rückzugsort aus den aufgeheizten Wohnungen und Straßen, im Winter ein stiller Ort abseits der hochfrequent summenden Innenstadt.