30. Dezember 2018 Innenwelt

Januar

Das neue Jahr beginnt, wir das alte Jahr endete: Mit gebrochenem rechten Arm. Der Fahrradsturz aus dem Herbst 2017 begleitet mich weiterhin, der Verband kommt ab, dafür darf ich ab jetzt für Monate eine Manschette tragen. Trotzdem ist es erstaunlich, wie schnell man sich an diese Einschränkungen gewöhnt und die linke Hand viel übernimmt. Mein Roman „Stromland“ geht in den Druck, keine Chance mehr, etwas zu ändern oder umzuschreiben. Wie immer in solchen Situationen: Kurze Panik, dann Entspannung.

Februar

Der Monat davor: Vor dem offiziellen Erscheinungsdatum von „Stromland“, vor der Premiere von „Wolfserwartungsland“ am Schauspiel Leipzig. Eine seltsame Unruhe macht sich breit, ich kann nicht mehr konzentriert schreiben, Panikschübe, dass jeder einzelne Satz im Buch absoluter Mist ist, dass ich schlampig recherchiert habe und es vor Grammatikfehlern nur so wimmelt. Ich lenke mich damit ab, indem ich mit links das Schreiben übe und den rechten Arm mit Gummibändern trainiere.

März

Premieren-Monat. Anfang März erscheint „Stromland“ und ich bekomme die Autoren-Exemplare, immer noch ein sehr bewegender Moment, das Buch aufzuschlagen, darin zu blättern, das Papier, den Leim zu riechen. Ich lese in München und fahre voller Erwartungen zur Buchmesse nach Leipzig, lese, sitze im Ü-Wagen zum Interview – und erlebe den wohl heftigsten Wintereinbruch, den die Buchmesse hier jemals erlebt hat: Das ganze Wochenende geht auf den Schienen so gut wie nichts mehr, ich habe das Glück und erwische einen der letzten Züge, der den Bahnhof mit dreistündiger Verspätung verlässt.
Ende des Monats dann das nächste Highlight: „Wolfserwartungsland“ hat Premiere am Schauspiel Leipzig. Für mich eine ganz neue Erfahrung, im Publikum zu sitzen, zu sehen und zu hören, wie die eigenen Sätze lebendig werden, wie es da plötzlich Menschen gibt, die sie aussprechen und in Handlung verwandeln. Es soll eines der eindrücklichsten Erlebnisse dieses Jahres werden. Noch gut erinnere ich mich an den Morgen danach, hoch oben im 15. Stock des Hotels, die Stadt erwacht und ich schaue auf die Häuser hinunter und weiß, dass dies einer der Momente in einem Autorenleben ist, auf den alles Schreiben zuläuft: die plötzliche Erkenntnis, dass ich nicht alleine bin mit meinen Worten und Sätzen.

April

Die erste Aufregung weicht der Ernüchterung: Nein, die Presse stürzt sich nicht auf den Roman, es bleibt verhalten still. Natürlich weiß ich, dass nur wenige Bücher wirklich groß werden, trotzdem habe ich natürlich wie alle anderen die leise Hoffnung, diesmal ins Schwarze getroffen zu haben. Aber es ist wohl nur der Rand der Zielscheibe. Auch hier hilft Ablenkung: Ich arbeite an meinem neuen Projekt „Dikson“, lese alles, was ich an Romanen über die Arktis finden kann, schreibe erste Szenen und werfe den Plot immer wieder über den Haufen. Schreibarbeit eben. Es tut gut, an etwas Neuem zu sitzen. Ich beginne auch wieder mit der rechten Hand zu schreiben.

Mai

Ich fahre an den Bodensee in die Gemeinde Hard, wo ich einen der beiden Förderpreise der 13. Harter Literaturwettbewerbs bekommen soll. Mit meiner Familie verbringe ich ein langes Wochenende am See, es ist so warm, dass wir problemlos baden gehen können. Bei der Preisverleihung tanzt meine Tochter zur Musik, es ist das erste Mal, dass sie ihren Papa auf einer Bühne sieht und dort lesen hört. „Stromland“ fliegt weiter unter dem Radar der meisten Redaktionen, eher die Regel als die Ausnahme, trotzdem fühlt es sich nicht gut an.

Juni

Heiß und trocken liegt der Sommer im Garten und verbrennt den Rasen, Äpfel und Pflaumen fallen mickrig und verschrumpelt von den Bäumen. Im Kontrast dazu steht meine Recherche über die Arktis und polaren Gebiete, Temperaturen von minus fünfzig Grad und tiefer, eisige Winde, monatelange Dunkelheit. Auch das ist es, was für mich das Schreiben so wichtig und besonders macht: die Möglichkeit an einer anderen Welt teilzuhaben.

Juli

Das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung nimmt erneut Anlauf. Unser Garten wird zur Steppe. Wir ziehen uns an die Nordsee zurück und verbringen einige Tage auf Föhr. Kurz vor der Abfahrt erreicht mich ein Schreiben des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, in dem mir mitgeteilt wird, dass ich zusammen mit Julia Wolf in diesem Jahr Preisträger des Robert Gernhardt Preises bin. Die Förderung bekomme ich für „Dikson“, von dem es zu diesem Zeitpunkt etwa zehn Seiten und ein Exposé gibt. Aber erstmal Urlaub. Hinaus ins Watt, neue Ideen sammeln, lesen und zur Ruhe kommen.

August

Bald schon ist es aber mit der Ruhe vorbei, der Preis zeigt Wirkung. Es erscheinen Artikel in der FAZ und im Frankfurt Journal, ich werde mehrmals zum hr eingeladen, um über den Preis und die Bedeutung für mich zu sprechen. Und auch „Stromland“ wird nun, etwa ein halbes Jahr nach Erscheinen, wieder entdeckt. Einerseits freue ich mich über die Aufmerksamkeit, andererseits zeigt es mir auch wieder deutlich, wie der Betrieb funktioniert, nach welchen Kriterien Bücher besprochen und sichtbar werden und warum die meisten sang- und klanglos verschwinden. Es braucht das Besondere, das Außergewöhnliche, das Herausragende. Es ist ein Spiel, dass ich seit dem Erscheinen meines ersten Buches „Albuquerque“ mitspiele: sich interessant machen, etwas zu zeigen haben, eine Geschichte hinter der Geschichte erzählen zu können. Ende des Monats lese ich im Literaturhaus Frankfurt aus „Stromland“ bei stickig schwülen Temperaturen.

September

Der Sommer will nicht enden. Ich schreibe an einem Artikel für den Merian und lese mich weiter ins Eis ein. Eine paradoxe Situation, schwitzend im Garten zu sitzen und von Expeditionen zu lesen, die bei minus fünfzig Grad im Eis steckenblieben und für die sich minus zehn Grad wie der Sommer anfühlte. Mit dem Gernhardt Preis im Rücken entscheide ich mich dazu, meine Arbeitszeit in der Agentur weiter zu reduzieren, um mehr Zeit fürs Schreiben zu habe. Ich überlege auch kurz, ganz aufzuhören, aber zucke zurück. Auf ein gutes Jahr können auch zwei schlechte folgen, und nur noch vom Schreiben finanziell zu leben, löst bei mir Unsicherheiten aus. Ich will bei der Wahl meiner Themen nicht auf mögliche Verkaufserfolge schielen, will das schreiben, was sich mir aufdrängt und nicht das, was mir der Markt vorgibt.

Oktober

„Dikson“ nimmt Form an. Ich habe mich für drei Perspektiven entschieden, zu denen ich jeweils ein Kapitel schreibe und dies sowohl mit meinem Agenten Sebastian Richter als auch mit meinem Lektor Andreas Paschedag diskutiere. Da ein realer Fall dem Plot zugrunde liegt, erzähle ich zuerst noch sehr nah an den Fakten; schnell wird mir aber klar, dass es so nicht funktioniert und sich das Projekt so eher Richtung Sachbuch entwickelt. Also arbeite ich wieder und wieder den Plot um, straffe im Sinne der Dramaturgie, lasse Dinge bewusst weg, füge andere hinzu. Wie auch schon in „Stromland“ will ich eng an den Figuren entlang erzählen. Im Januar soll es dann richtig losgehen.

November

Ein altes Projekt holt mich wieder ein, das Jugendbuch „Wenn wir fliegen“. Es ist mein Projekt aus Mannheim, das ich noch einmal in Angriff nehme. Nach einem Gespräch mit Edmund Jacoby von Jacoby & Stuart mache ich mich erneut an die Überarbeitung; es ist eine gute Erfahrung zu sehen, dass einerseits die Geschichte noch immer trägt, auf der anderen Seite mir aber sofort Passagen auffallen, die gekürzt oder ganz gestrichen werden müssen. Ich kehre noch einmal nach Mannheim zurück zur Vorstellung des neuen Merian -Heftes „Mannheim“, in dem ich über meine Zeit im Turm der alten Feuerwache schreibe.

Dezember

Schon wieder zieht ein Jahr vorbei, geht mit einem leisen Puff ins nächste über. Was bleibt? Ein ungewöhnlich heißer Sommer, alte und neue Projekte, alte und neuen Bekanntschaften, die Hoffnung auf das nächste Buch. Ich bin schon weit im Januar, schon schreibe ich an „Dikson“, schon gehe ich mit „Wenn wir fliegen“ ins Endlektorat, schon wird der Horizont weit und die Luft klar, aber dann ist es doch wie immer: Kein Schnee, etwas Regen und der vage Gedanke, dass alles schon irgendwie zueinander finden wird.