18. März 2018 Stromland

Erste Fassung des Romanbeginns: Irina und Hilmar sind in der kleinen Stadt Oriximiná am Rio Trombetas in Brasilien und warten darauf, dass sich das Wetter bessert und sie endlich mit dem Boot in den Regenwald aufbrechen können. Irina besucht immer wieder Pater Zola, der sie auf ihrer Reise begleiten soll. Die Skizze gibt, unvollständig und unausgereift, den Weg für Kommendes vor: Die Figur Pater Zolas, Irina als Studentin. Die Handlung spielte noch in Brasilien, erst später stieß ich bei der Recherche auf Iquitos, die einsame Stadt im Regenwald, und verlegte daraufhin die Handlung nach Peru.

Irina kam nur langsam auf den improvisierten Stegen voran. Es gab kein Geländer, und wenn ihr eine Gruppe Frauen oder ein Mann mit Hund entgegenkam, drückte sie sich an die Hauswand und versuchte das Gleichgewicht zu halten. Ihre Haare klebten ihr in der Stirn, aber sie strich sie nicht mehr zur Seite. Der Regen war kaum zu spüren. Vielmehr hatte sie das Gefühl, das Wasser mit der Luft einzuatmen, als habe sie mit dem Flug über den Atlantik die Fähigkeit erworben, unter Wasser zu leben und atmen wie eine Amphibie. Die Straße stieg an und das Wasser blieb hinter ihr zurück. Der Asphalt glänzte. Sie hatte sich schnell in der Stadt zurechtgefunden, was aufgrund ihrer Beschaffenheit aber keine Besonderheit war: Die Straßen verliefen von Osten nach Weste und von Nord nach Süd und bildeten Quadrate, in denen gedrungene Hütten und zweitstöckige Häuser kauerten. Und überall dazwischen wucherte der Urwald, als habe er seine Niederlage gegen die Bulldozer und Lastwagen noch nicht eingesehen und versuchte nun auf kleinen, schmalen Wegen wieder Land zurückzugewinnen, zettelte hier und da kleine Scharmützel an, wurde zurückgeschnitten, verbrannt, zerhackt, um hinter den nächsten Hauswand erneut in Stellung zu gehen. Manche der Häuser waren bunt bestrichen, vielleicht eine Art Mimirky, dachte sie, um den Wald zu erschrecken und auf Abstand zu halten.
Pater Zola bewohnte ein weißgetünchtes Haus (kurze Beschreibung), das von Außen nichts weihevolles oder kirchliches erkennen ließ. Neben der schmalen Tür war ein Holzschild angebracht, auf das er in krakeliger Schrift „Mission der heiligen Mutter Mariä“ geschrieben hatte und darunter seinen Namen. Irina klopfte und schob sich die Kapuze aus der Stirn. Sie hörte schnelle, kleine Schritte auf Dielen, Gekicher, dann wurde die Tür einen Spalt aufgezogen und ein Kinderkopf schob sich ins Freie.
„Pater Zola,“ (ESP), sagte sie und versuchte zu Lächeln. Die Kinderaugen tasteten ihr Gesicht ab, sie starrte ins Dunkel dahinter. Nichts rührte sich. Sie spürte das Wasser auf ihren Wangen, auf ihrer Stirn, im Nacken. Sie wiederholte, was sie gesagt hatte, diesmal flüsterte sie fast. Die Kinderaugen sprangen über sie, um sie herum. Dann wurde die Tür weiter aufgezogen, und aus dem Dunkel trat das bärtige, schmale Gesicht des Paters. Er lächelte und schob das Kind mit einer ruppigen Bewegung zur Seite.
„Haben Sie den Tabak dabei?“
Sie zog die Rothändl-Dose aus der Tasche, der Pater trat zur Seite. Er führte sie wie die letzten Mal auch in sein Arbeitszimmer, einem niedrigen Raum, der fast vollständig von einem kolonialen Schreibtisch und zwei Ohrensesseln ausgefüllt wurde. An der Wand hing ein Kruzifix und das Bild der heiligen Mutter. Er setzte sich, Irina blieb stehen und tropfte auf den Boden. Das Zimmer wirkte trotz der Möbel geräumig, vielleicht lag es am Licht, an den hellen Dielen. Der Pater starrte sie an, bis sie ihm die Dose reichte. Er lächelte, nahm sich eine Zigarette und brannte sie an. Irina lehnte sich an den Ohrensessel und lauschte dem Getrippel schneller Schritte über ihr. Der Pater wurde von der ersten, warmen Welle des Tabaks erfasst, er saß entspannt da und schlug ein Bein übers andere.
„Kann ich das Boot sehen“, sagte Irina.
„Es liegt in xx. Die Fähre fährt nicht bei dem Wetter. Wieso kommt er nicht selbst und erkundigt sich?“
„Er hat zutun.“
„Und Sie?“
„Ich kümmere mich um alles andere.“
Sie sah auf ihre Stiefel. Mit jedem Tag, der sich ihr Aufbruch weiter hinauszögerte, wurde sie gelassener, breitete sich in ihr eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Fluss und dem Urwald aus. Die Hitze machte ihr nichts mehr aus, der Regen störte sie nicht. Sie ließ Hilmar die meiste Zeit in Ruhe, ging durch die Straßen der Stadt bis zu den letzten Häusern, dorthin, wo sich der Urwald auftürmte und ihr zuraunte. In den ersten Tagen hatte sie noch alles angefasst, die feinen, feuchten Blätter des XXX, die Ästes eines XXX, sie hatte erste Skizzen gezeichnet und war mehrmals ob der schieren Masse an Lebendigem, das da um sie in den Wäldern hauste, in eine manischen Zustand zwischen rastlosem Herumrennen, Schauen, Berühren und konzentriertem, wiederholtem Durchblättern ihrer Unterlagen verfallen. Namen, Bezeichnungen, Gattungen, Ordnungen. Systeme und Schemata. Nachts hatte sie gefiebert, war fröstelnd am Fenster gestanden und hatte hinüber zum Wald gestarrt, stundenlang. Sie bewegte ihre Zehen, roch den frischen, feuchten Tabak und war sich nicht sicher, ob es vielleicht doch nur bloße Erschöpfung war, die sie zur Ruhe brachte.
„Wollen Sie mal?“
Der Pater hatte sich aufgerichtet und aus irgendeiner Tasche an seiner Hose einen kleinen, metallenen Kasten gezogen, den er ihr hinhielt. Sie sah ihn an.
„Kommen Sie. Es sind keine Chöre oder sowas.“
Sie hatte schon ein paarmal ein Walkman in der Hand gehabt, besaß aber selbst keinen. Das kleine Gerät war nicht besonders schwer, es lag ruhig in ihrer Hand.
„Probieren Sie es aus.“
Irina nahm den kleinen Kopfhörer und setzte ihn sich auf. Dann drückte sie Play. Ein ohrenbetäubendes Krachen schlug ihr gegen den Kopf, sie riss sich den Hörer herunter.
„Es ist übersteuert“, sagte der Pater und aschte in eine Tasse. „Rechts ist die Lautstärkeregelung.“
Er zündete sich noch eine zweite Zigarette an, streckte die Beine aus und sah in die Rauchschwaden. Irina setzte sich in den Ohrensessel und richtete sich die Kopfhörer. Nun wurde es Musik. Eine Frauenstimme, die über Bass, Schlagzeug und den Keyboards schwebte, aber sie sang nicht, sie schrie vielmehr, ein gesungenes Geschrei in anschwellenden und abschwellenden Auf und Abwärtsbewegungen. Der Pater lächelte, er musste irgendetwas in ihrem Gesicht gesehen haben, was zuvor nicht dagewesen war, Überraschung vielleicht.
„Nicht gerade die Musik, die Sie erwartet haben“, sagte er.
Irina antwortete nicht, zuckte nur die Schultern.
„Wie bei Bach oder Brahms oder auch bei Mahler, wenn Sie so wollen. Nur etwas anders. Heutiger.“
Auf einer Studentenparty zu Beginn des zweiten Semesters 1977 hörte Irina zum ersten Mal Dark Side of the Moon in voller Länge. Zuvor waren es immer nur Schnipsel gewesen, kurze, verrauschte Auszüge, die irgend jemand abgefangen und aufgenommen hatte und die nicht dasjenigen wiedergeben konnten, was sie in einem verrauchten Keller auf einer Matratze liegend, den Kopf im Schoß von Bettina oder Angela, beim Hören der Musik empfand und danach über Monate nicht mehr aus dem Kopf bekam. Es war nicht so, dass sie die Lieder summte, dazu waren die Melodien zu kompliziert und ihr Zustand zu gereizt gewesen, aber mit diesem Abend war das Gefühl nie wieder ganz verschwunden, etwas in ihrem Kopf, in ihrem Denken habe sich in Bewegung gesetzt und sei ein kleines Stück verrutscht, sie konnte nicht sagen was und wie, aber sie spürte es deutlich in der Tram, in den Vorlesungen und im Wohnzimmer ihrer Eltern, als als atme sie eine andere Luft. Sie weinte an diesem Abend etwas, sie trank ungewöhnlich viel Rotwein, ließ sich von Angela und Bettina einen Zopf flechten und erwachte gegen sechs mit dem Blick auf die im ersten Sonnenlicht entflammte Stuckdecke.
Eine Weile hockte sie regungslos im Sessel und lauschte der Stimme. Sie spürte Wasser und einen schwachen Luftzug. Sie konnte die Kinder leise kichern hören. Sie hatte nicht mit dieser Art Musik gerechnet, nicht hier an den schlammig duftenden Ufern des großen Flusses, nicht mit einem wie Pater Zola, der ihr gutmütig rauchend gegenübersaß und alles dafür tat, nur ein einfacher, kleiner Pater zu sein, dem die Hände gebunden waren und der nur auf Gott vertrauen konnte. Sie wusste aber, dass es nicht so war. Sie wusste, dass Pater Zola als einziger Weißer in der Gegend einen Weg in den Wald gefunden und sein Vertrauen erlangt hatte. Sie wusste, dass er der einzige war, der auch sie dorthinbringen konnte.
„Hilmar wird verrückt, fürchte ich“, sagte sie leise und mit einem Lächeln. „Seit zwei Wochen liegt er im Bett und trinkt Schwarztee.“
„Ihm wird es bald wieder bessergehen“, sagte der Pater und hob sich langsam aus dem Sessel. Irina streifte die Kopfhörer ab, die Kassette war zu Ende. Er ging hinüber zum Schreibtisch, lehnte sich an die Tischplatte und sah aus dem Fenster. Die Tür schob sich einen Spalt auf und ein Kind kam herein, dann noch eins. Sie hockten sich in den Sessel, starrten Irina an und zogen dann Grimassen, die beides sein konnten: Zuneigung, Abscheu.
„Sie sind mir zuvorgekommen“, sagte der Pater, „ich wollte Ihnen eigentlich Luis schicken“, er sah auf, sein Blick war klar, weit. „Morgen kann sie ein Boot nach XXX bringen. Ich werde sie begleiten. Von dort sind es über den Fluss noch drei Tage. Aber ich rate Ihnen noch zu warten. Der Regen verändert den Wald und mit ihm alle, die darin leben.“
Irina legte den Walkman auf den Boden. Die beiden Kinder sprachen leise miteinander.
„Gehen wir essen“ (ESP), sagte der Pater.
Er drehte sein Gesicht ins Licht, er wartete, dachte nach. Die Schritte der Kinder waren überall hinter den Wänden.

Hinweis: Ich gebe die Entwürfe im Originalzustand wieder, d.h. ich habe sie weder orthografisch noch dramaturgisch überarbeitet. Im Text finden sich immer wieder die Zeichen XXX, mit denen ich Auslassungen für eine spätere Recherche markiert habe oder auch Abkürzungen wie ESP für spätere Übersetzungen.